Roswithas Versprechen
Leseprobe
Winter 1943
»Stell die Blechbüchse ein wenig höher«, forderte Georg Günther auf. Der rollte mit den Augen, denn er hatte keine Lust, den Laufburschen zu spielen. Doch Georg hatte darauf bestanden, ihm zu zeigen, was er bei der Scharfschützenausbildung im Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend gelernt hatte. Ein halbes Dutzend Ziele hatte er inzwischen anvisiert und direkt beim ersten Schuss erwischt, so dass es Günther mit der Präsentation reichte. Statt sich länger in der Kälte aufzuhalten, stand ihm der Sinn nach einem Treffen mit Irmtraud. »Ich bin schwer beeindruckt« gestand er Georg zu. »Du musst mir wirklich nicht noch mehr beweisen. Lass uns die Blechbüchsen einsammeln und gehen, bevor es anfängt zu schneien.«
»Ein letzter Schuss«, forderte Georg. »Ich werde den überhängenden Ast dort hinten abschießen!«
Günther blickte in die Richtung, in die der junge Fleischer zeigte. »Den da?«, fragte er mit einer gehörigen Portion Spott.
»Ja, genau den.«
»Niemals!«
»Aber sicher! Worum wollen wir wetten?«
»Wie wäre es mit einem saftigen Schweinebraten?«
Georg überlegte, dann nickte er. »Müsste sich machen lassen, wir haben gestern schwarz geschlachtet.«
»Dass euch noch keiner erwischt hat ...«
»Zwei Schweine werden angemeldet, drei gehen durch den Wolf. Wenn die erst zerlegt sind, kann niemand mehr etwas nachweisen. Also abgemacht?«
Günther nickte.
»Falls ich gewinne, darf ich Irmtraud küssen«, forderte Georg grinsend.
Günther zog protestierend die Luft ein. »Du kannst gern Gesine haben, wenn sie Weihnachten nach Hause kommt«, gestand er seinem Freund zu. »Und bei ihr darfst du alles küssen, was dir vor die Lippen kommt. Aber Irmtraud gehört mir!«
»Bäh!«, machte Georg und tat, als wolle er sich den Mund abwischen. »Mädchen wie Gesine sind der Grund, warum Männer ins Kloster gehen. Also, was ist dein Einsatz?«
»Drei Flaschen Bier«, bot Günther an.
»Vier!«, forderte Georg.
»Meinetwegen. Aber jetzt mach endlich, mir ist kalt und ich habe heute noch was anderes vor, als mir die Beine in den Bauch zu stehen.«
»Irmtraud?«, fragte Georg grinsend und zeichnete mit den Händen einen weiblichen Körper in die Luft. »Wenn du dich nächsten Herbst mit Gesine verloben musst, würde ich dir Irmtraud abnehmen. Ich garantiere dir, sie ist bei mir in den besten Händen.« Georg krümmte seine Handflächen und formte vor seiner Brust einen Busen.
»Such dir was Eigenes«, forderte Günther ihn auf. »Oder am besten: heirate dein Gewehr!« Er deutete auf die Präzisionswaffe, die Georg unter strengen Auflagen zum Üben überlassen worden war. »Wenn du dann endlich soweit bist?«, drängte er den jungen Schützen.
»Allzeit bereit!«, verkündete Georg, tätschelte liebevoll sein Gewehr und massierte seine in Halbfingerhandschuhen steckenden Finger. Schließlich stellte er sich in Position und visierte das Ziel an. Ausgerechnet im Moment des Abzugs verriss eine Windböe die Waffe. Der Knall zerriss die Luft, einige Vögel stoben auf, im Unterholz raschelte es, als bodennahes Getier die Flucht ergriff. Der Schuss hatte nicht mal den Ast gestreift, stattdessen war etwas umgefallen, das sich weit dahinter befand.
»So ein Mist!«, fluchte Georg. »Mit dem Wind konnte keiner rechnen. Da musst du mir eine zweite Chance zugestehen!«
»So hatten wir nicht gewettet«, lachte Günther und hob schnuppernd die Nase. »Ich rieche Schweinebraten. Lass uns mal nachschauen, was du tatsächlich getroffen hast. Falls es ein Wildschwein ist, lache ich mich tot!«
»Geh du gucken, ich muss noch die Patronenhülsen aufsammeln«, forderte Georg ihn sauertöpfisch auf und machte sich an die Arbeit. Gerade als er damit fertig war, kam Günther zurück. Georg stutzte, der Gesichtsausdruck seines Freundes hatte sich verändert, jegliche Leichtigkeit war daraus entwichen. Fragend legte er den Kopf schief.
Günther stakste an ihm vorbei, beugte sich vorn über und übergab sich. Dann ließ er sich auf den umgekippten Baumstamm sinken, der kurz zuvor noch als Ablage für die Schießutensilien gedient hatte. Georg sank vor ihm in die Hocke.
»Ist dir übel?«, fragte er misstrauisch.
»Er ist tot«, flüsterte Günther heiser.
»Tot? Sag nicht, ich habe einen Keiler erlegt?«
»Nein.« Günther hustete, anschließend spuckte er auf den Boden. »Einen Menschen.«
Georg wich einige Schritte zurück. »Hör auf, solch blöde Witze zu machen«, ranzte er den Förster an. Vorsichtshalber blickte er in die Richtung, aus der Günther gekommen war.
»Siehst du mich lachen?«, fragte der gepresst. Zögerlich ging Georg ein paar Meter nach vorn, dann tänzelte er unsicher zurück.
»Du meinst, dort liegt ein Toter?«
»Mausetot«, nickte Günther und stand schwerfällig auf.
»Wurde er von einem Tier gerissen?« Georg vermied es, das Unvorstellbare auszusprechen.
Günther schüttelte den Kopf. »Er hat ein Loch in der Stirn, aus dem Blut rinnt.«
»Frisches?«, flüsterte Georg entsetzt.
Günther starrte auf den schneebedeckten Boden und nickte stumm.