Roswithas Geheimnis

Leseprobe


Februar 1940


Wie ein schwarzer Schatten huschte die junge Frau durch die Straßen des Harzdorfes Groß Rümmsen. Sie hatte sich die Kapuze ihres dunklen Wollumhangs bis weit in die Stirn gezogen. In den Armen trug sie ein Weidenkörbchen. Darin lag ihr Kind. 

Sie hatte es gut eingewickelt gegen die Kälte der frostigen Februarnacht, eine Wärmflasche auf dem Boden schenkte dem Säugling zusätzlichen Schutz. Damit der Junge nicht greinte, hatte sie ihm ein wenig Wein eingeflößt. Er schien zu wirken, denn das Kind schlummerte tief und fest. 
Gehetzt blickte die Frau sich um. Wehe, jemand würde sie erkennen, dann wäre das Versteckspiel der vergangenen Monate umsonst gewesen. Sie musste nur noch diese letzte Aufgabe meistern: Unbeobachtet ihr Kind zum Bürgermeister bringen. Danach würde sich alles zum Guten wenden. Für sie und für ihren Sohn, auf dessen Bäuchlein ein Zettel lag: 

Mein Name ist Rüdiger. 
Ich bin acht Tage alt. 
Meine Mutter kann sich nicht um mich kümmern, denn mein Vater hat uns verlassen. Darum bittet sie den Bürgermeister, dafür zu sorgen, dass ich in einer liebevollen Familie aufwachse.


Rasch öffnete die Mutter die Pforte zum Bürgermeisteramt. Sie drückte dem Baby einen Kuss auf die Stirn, stellte das Körbchen vor die Haustür und pochte energisch dagegen. Als sie sah, dass im Obergeschoss das Licht anging, rannte sie auf die Straße und warf das Gartentor hinter sich zu. Sie musste ungesehen den Kübelwagen, der in einer Querstraße mit laufendem Motor wartete, erreichen. 
Als der Fahrer sie sah, drückte er von innen die Beifahrertür auf. Sie hastete hinein und wurde durch die Beschleunigung in den Sitz gedrückt, noch bevor sie die Tür richtig zugezogen hatte. 
»Alles in Ordnung?«, fragte der Mann hinterm Steuer und warf ihr einen kurzen Blick zu. 
»Alles bestens!«, antwortete die junge Frau. Sie lauschte auf ihr pochendes Herz. Der Stich, den sie dabei verspürte, hatte nichts mit der Aufregung zu tun. Sie wusste, er würde sie ihr Leben lang begleiten.

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Kapitel 1  

April 1935




Das kolorierte gläserne Wappen über der Eingangstür der hanseatischen Villa tauchte den Sonnenstrahl in leuchtende Farben. Staub wirbelte darin, als gelte es, mit der aufgehenden Sonne zu tanzen. Für diesen kurzen Moment erschien das imposante Foyer in ein Kaleidoskop getaucht. Doch die Magie währte nur ein paar Augenblicke, dann verdunkelte eine Wolke den Himmel und ließ die holzvertäfelte Eingangshalle wieder düster wirken. 
Das Wechselspiel des Lichts passte zu Roswithas Stimmung an diesem letzten Tag der Osterferien. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe, während sie am Fuß der geschwungenen Marmortreppe auf ihre Mutter wartete. Zwei Lederkoffer und diverses Handgepäck leisteten ihr stumm Gesellschaft. Das laute Ticken der Standuhr und das gleichmäßige Schwingen des messingfarbenen Pendels machten sie noch nervöser, denn jede Bewegung des großen Zeigers ließ den Abschied näherrücken. 
Ein flaues Gefühl breitete sich in Roswithas Magen aus, als sie hörte, wie die beige-braune Horch-8-Limousine knirschend auf dem Kies vor dem Eingangsportal zum Stehen kam. Sekunden später öffnete Bunge, Vaters Chauffeur, die Haustür. Wie immer erschien er in dunkelblauer Uniform mit makellos weißen Handschuhen, die Schirmmütze unter den linken Arm geklemmt. Für die große Reise hatte er das Automobil auf Hochglanz poliert. Aufmunternd lächelte er Roswitha zu und deutete eine Verbeugung an.
»Einen guten Morgen wünsche ich dem gnädigen Fräulein. Wenn Sie gestatten, werde ich jetzt das Gepäck verstauen?«
Sie nickte knapp, denn sie verspürte einen wachsenden Kloß im Hals und war sich sicher, ihre Stimme würde ihre Angst verraten. Deshalb sagte sie lieber nichts. Bunge, froh, damit der beklemmenden Situation zu entkommen, beeilte sich, die Koffer zum Auto zu bringen. Das Mädchen sah ihm kurz nach, wandte sich dann aber dem gleichmäßigen Klappern zu, das aus dem Küchentrakt kam. 
Wie häufig hatte sie dieses Klappern von Käthes Holzpantinen in ihren fast siebzehn Lebensjahren gehört? Es löste bei ihr stets ein tröstendes Gefühl mütterlicher Zuwendung aus, denn Käthe war immer für ihre kindlichen Nöte dagewesen. Oft hatte sie in der Küche vor einem dampfenden Kakao gesessen, auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter die Sympathie nicht schätzte, welche die Köchin ihr entgegenbrachte. 
»Es schickt sich nicht, mit den Dienstboten einen persönlichen Kontakt zu pflegen«, hatte Adelheid ihre Tochter regelmäßig ermahnt und dabei missbilligend den Kopf geschüttelt.
Lächelnd erschien die füllige Köchin in ihrem dunkelgrauen Arbeitskleid, um das sie eine weiße Schürze gebunden hatte. Aus ihrem gestärkten Häubchen stahlen sich vorwitzige Haarsträhnen, deren einstiges Rotbraun längst einem melierten Grauton Platz gemacht hatte. 
Wie alt Käthe wohl war? Nie zuvor hatte Roswitha darüber nachgedacht. Das Gesicht der Köchin glühte rot, als strahle es die Hitze des imposanten Herdes ab. Sie trug einen schweren Weidenkorb in ihrer Armbeuge, der mit einem rot-weiß-karierten Tuch bedeckt war. 
»Ich habe ein paar Leckereien für unterwegs eingepackt, Fräulein Roswitha. Der Weg ist weit, und Ihre Frau Mutter und Sie sollen mir nicht mit knurrendem Magen in Thüringen ankommen.« Die Köchin schob das Tuch beiseite und gewährte einen Blick auf Teigtaschen, Streuselkuchen, gekochte Eier, eingelegte Gurken und zwei Flaschen vom selbstgemachten Sanddornsaft. 
Roswitha lächelte gequält. »Ich habe überhaupt keinen Appetit, Käthe.«
»Ach Mädchen, das ist nur die Aufregung. Das gibt sich. Und dann kommt der Hunger!« Die Köchin tätschelte ihr aufmunternd die Hand. Sie ahnte, was in dem Backfisch vor sich ging, war sie selber doch jung aus dem Haus gegangen, um eine Kochlehre zu beginnen. Aber im Gegensatz zu Roswitha hatte sie nicht ihre Heimatstadt verlassen, sondern ihre Familie an den Wochenenden besucht. 
Insgeheim grollte sie Gustav Jagerz, der ein Mädchenlyzeum ausgewählt hatte, das eine Tagesreise entfernt war. Sie hatte stumme Tränen vergossen, als es hieß, Roswitha würde nach Ostern das Haus verlassen. Natürlich war es nicht richtig, solch tiefe Gefühle für Kinder der Herrschaft zu hegen, aber das Mädchen hatte ein wenig von der Lücke gefüllt, die der Tod ihrer kleinen Pauline einst gerissen hatte. Sie sah ihr sogar etwas ähnlich.
Der gnädige Herr war der Empfehlung eines Parteifreundes gefolgt, hieß es. Lotte, die für das Auftragen der Speisen zuständig war, hatte ein Gespräch der Eheleute verfolgt, bei dem es um Roswithas Zukunft gegangen war. Das Mädchenlyzeum warb damit, seine Schülerinnen auf ein Leben in gehobener gesellschaftlicher Stellung vorzubereiten. 
Für Roswitha lag es auf der Hand, dass sie nach dem Abitur Ökonomie studieren würde, um im väterlichen Kontor mitzuarbeiten und in Gustavs Fußstapfen zu treten. Beide Brüder standen nicht zur Verfügung und ihre Schwestern waren Nachzügler und viel zu jung. Voller Begeisterung hatte sie Käthe zu Beginn der Osterferien in der Küche aufgesucht und von den Neuigkeiten berichtet.