Harzgeister
Leseprobe
Gesine gähnte und machte sich nicht die Mühe, die Hand vor den Mund zu halten, denn es war längst dunkel und die Straßen menschenleer. Diesmal war es beim Treffen der Christrosen richtig spät geworden, doch sie hatte es nicht eilig. Adolf würde vor dem Fernseher sitzen oder mit Hilfe seines Lexikons versuchen, die letzten freien Felder eines Kreuzworträtsels zu füllen. Durch die Anstrengung des Rückweges bemerkte sie, wie der süße Wein ihr zu Kopf stieg. Es war nicht mehr weit und sie lenkte sich ab, indem sie in die Vorgärten der Nachbarn schaute. Nur in wenigen Häusern brannte noch Licht.
Tief in Gedanken versunken, machte Gesines Herz einen wilden Sprung, als sie auf der Schaukel in Naumanns Garten eine Gestalt sitzen sah. Deren Gesicht wurde vom Schatten einer Kapuze verdeckt, lediglich einen zerzausten Bart konnte sie erkennen. Die Person tippte sanft mit einem Fuß auf den Boden, um die Schaukel in Schwung zu halten. Rhythmisch knarzten die dicken Seile, mit denen das Brett am Holzgerüst hing.
Völlig perplex blieb Gesine stehen. Sie hielt sich an ihrem Fahrrad fest und starrte den in Weiß gekleideten Mann an. Definitiv war es nicht der Hausherr, denn Erwin Naumann trug keinen Bart und war viel rundlicher. Auch wenn sie keine Augen sah, spürte sie überdeutlich, dass der Unbekannte zurückstarrte.
Als er mit seinem Fuß die Schaukel stoppte und sich vom Brett schwang, ließ sie das Fahrrad fallen und rannte, als sei der Teufel hinter ihr her. Zum Glück lag ihr Haus schon in Sichtweite. Wie von Sinnen hetzte sie die Eingangsstufen hinauf, beließ den Zeigefinger auf dem Klingelknopf und hämmerte mit der freien Hand gegen die Haustür.
Sie fürchtete, ihr Verfolger könne jeden Moment auf das Grundstück stürmen, doch ein Blick zurück zeigte, dass die weiße Gestalt sich zum Fahrrad begeben hatte und hemmungslos in ihrer Handtasche wühlte. Dann kippte der Gesichtslose den Tascheninhalt auf den Gehweg. Entsetzt quiekte Gesine auf.
Zögerlich wurde die Haustür geöffnet. Adolf hielt noch den Stift vom Kreuzworträtsel in der Hand. Halbherzig unterdrückte er ein Gähnen.
»Was ist denn in dich gefahren? Du führst dich ja auf, als sei ein Gespenst hinter dir her!«
Statt einer Antwort, deutete Gesine auf die Straße und fuchtelte mit den Händen durch die Luft.
»Bist du in einen Bienenschwarm geraten?«, schmunzelte Adolf.
Sie schüttelte den Kopf und deutete hinter sich. »Der Mann da hat mich verfolgt!«
Alarmiert schaute Adolf an seiner Frau vorbei auf die Straße. Sie war menschenleer. Fragend zog er die Stirn kraus und ging die ausgetretenen Betonstufen hinunter. Aufmerksam spähte er über das Gartentor in beide Richtungen. Dann kratzte er sich am Kopf und schlurfte zur Haustür zurück.
»Wer hat dich verfolgt?«
»Ein weißer Mann ohne Gesicht.« Gesines Antwort war nicht mehr als ein Wispern.
»Die Straße ist völlig leer! Nicht mal eine Katze ist unterwegs. Soll dein Fahrrad da etwa über Nacht liegenbleiben?«
Sie schüttelte abermals den Kopf.
»Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um es zu holen, meinst du nicht? Wenn es dich beruhigt, warte ich hier, bis du zurück bist.«
Mit angstgeweiteten Augen starrte Piepsi ihren Mann an. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle.
»Jetzt kann ich mir extra Schuhe anziehen, um deinen Drahtesel aufzulesen!«, klagte Adolf und tauschte seine Pantoffeln gegen Sandalen. Murrend kehrte er mit dem Fahrrad zurück und drückte seiner Frau die Tasche in die Hand.
»Es ist mir unbegreiflich, was sich alles in einer Damenhandtasche befindet. Nächstes Mal machst du den Reißverschluss zu, damit dein Zeug nicht herausfällt. Ich musste den ganzen Krempel von der Straße auflesen.«
»Der Reißverschluss war zu. Der Mann hat ihn geöffnet und alles verstreut!«, flüsterte Gesine aufgeregt.
»Da war kein Mann!« Adolfs Stimme bekam einen zornigen Unterton. »Falls ein Landstreicher hinter dir her war, dürfte das Portemonnaie fehlen. Schau mal nach!«
Rasch durchforstete Gesine die Tasche, dann zog sie mit einem erleichterten »Puh!« ihr schwarzes Lederportemonnaie hervor.
Adolf verriegelte die Tür, streifte die Sandalen ab und schlüpfte zurück in seine Pantoffeln. Gesine huschte an ihm vorbei in die Küche, wo sie den kompletten Tascheninhalt auf den Tisch kippte.
»So ein Durcheinander!«, schimpfte sie. Müde ließ Adolf sich auf einen Küchenstuhl sinken. Er stutzte und fischte einen Kalender des Vorjahres aus dem Haufen.
»Wozu schleppst den noch mit dir herum?«
»Der Kalender ist eine Gedächtnisstütze!«
Adolf zog die Augenbrauen hoch, als erwarte er eine Erklärung.
»Damit ich jeden Tag weiß, was ich am gleichen Tag im Vorjahr gemacht habe.« Sie blickte ihren Mann an, als sei er begriffsstutzig.
»Du willst mir nicht weismachen, dass du täglich kontrollierst, was du ein Jahr zuvor eingetragen hast?« Skeptisch legte Adolf den Kopf schief.
»Na ja, nicht täglich, manchmal vergesse ich es leider.«
»Ist das ein neues Hobby?« Seine Stimme hallte sorgenvoll nach.
»Ach was!«, winkte Gesine ab. »Für Hobbys habe ich keine Zeit.« Sie machte eine ausschweifende Handbewegung durch die Küche und blickte Adolfs vorwurfsvoll an. »Ich habe den Tipp aus einer Illustrierten. Es soll helfen, das Zeitgefühl zu bewahren und sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden.«
»Da bin ich aber froh, dass dein Rückblick nicht bis zu deiner Kindheit reicht!« Adolf stand ruckartig auf, ging zum Kühlschrank und angelte sich eine Flasche Bier. Zu Gesines Empörung öffnete er den Kronkorken an der Tischkante. Vorwurfsvoll fuhr sie mit dem Zeigefinger über die frische Kerbe im Holz, doch sein Blick war so merkwürdig, dass sie sich einen Kommentar verkniff. Er nahm einen tiefen Schluck, dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Ich finde, wir sollten mal wieder zur Ursache dieses Häufleins zurückkommen«. Er zeigte auf den Tisch und unterband mit erhobener Handfläche Gesines Antwort. »Könnte es sein, dass dein Verfolger ein Zeitreisender war? Ist er vielleicht deinem Kalender entsprungen und im falschen Jahr in unserer Straße gelandet?«
Misstrauisch runzelte Gesine die Stirn.
»Ich fasse es mal zusammen: Dir ist ein Mann gefolgt, der kein Gesicht hatte. Damit er dich in Ruhe lässt, wirfst du ihm Fahrrad und Handtasche hin. Dann rennst du nach Hause. Im nächsten Moment ist der Mann verschwunden, ohne deine Sachen anzurühren?«
»Nein, er hat ja in meiner Tasche gewühlt.«
»Und dann hat er sich in Luft aufgelöst?« Adolf wurde immer lauter. »Ich würde es ja noch verstehen, wenn das Portemonnaie verschwunden wäre, aber nicht mal dafür hat er sich interessiert. Was, glaubst du, wollte er stattdessen von dir?«
Gesine dachte nach, dann blickte sie ihn entsetzt an: »Meinst du, er wollte mir was antun? Ich meine, sexuell?« Rasch verschränkte sie die Arme vor der Brust und zog den Kopf ein.
»In der Not frisst der Teufel Fliegen«, knurrte Adolf und fuhr nach Gesines empörtem Ausruf unbeirrt fort: »Aber weißt du, was ich eher glaube?«
»Was?«
»Da war niemand! Du hast dir das alles eingebildet! So wie letztes Jahr das Skelett in der Kirchenbank.«
»Das ist gemein!« Wütend hieb Gesine mit der flachen Hand auf den Tisch. Dann wühlte sie aufgeregt in den Utensilien. Schließlich ging ein Strahlen über ihr Gesicht als sie erleichtert verkündete: »Es fehlt doch etwas!«
Adolf setzte die Bierflasche ab, die er soeben an die Lippen führen wollte. »Was?«
»Eine Tafel Schokolade. Eine ganz teure von Lindt. Helga hat sie mir geschenkt, weil ich ihr auf dem Friedhof geholfen habe.«
»Hauch mich mal an!« Angewidert verzog Adolf das Gesicht, als ihm eine schale Weinfahne entgegenwaberte. »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, du verträgst keinen Alkohol, aber du willst ja nicht hören. Morgen kannst du erstmal dein Fahrrad richten. Und ich vereinbare für dich einen Termin beim Nervenarzt.«
Gesine quietschte auf, doch ihr Mann knallte die leere Flasche auf den Tisch. »Ich hoffe, dass der herausfindet, was genau da immer wieder durch deinen Kopf spukt!«