Operation "Schürzenjäger"
Leseprobe
Günther schaltete den Fernseher aus. Gemeinsam mit Lieselotte hatte er eine Folge von »Wetten, dass?« geschaut, dabei eine Flasche Bier getrunken und Nüsse geknabbert. Lottchen hatte sich Likör und Pralinen gegönnt. Nun hatten beide die nötige Bettschwere und Günther beschloss, seine abendliche Runde zu drehen, während seine Frau im Bad verschwand. Er hatte Zeit, denn gewöhnlich benötigte sie eine gute halbe Stunde: Ein wenig Gesichtscreme hier und Fußbalsam dort, die echten Zähne putzen, die falschen ins Wasserglas. Im schlimmsten Fall kamen Lockenwickler zum Einsatz, die über Nacht im Haar verblieben. Welch ein Szenario, um dem Zahn der Zeit zu trotzen.
Hätte Günther geahnt, was ihn erwartete, hätte er bereitwillig auf die abendliche Inspektionsrunde und das Gute-Nacht-Zigarillo verzichtet. Aber so schlenderte er seelenruhig durch die untere Etage, schloss alle gekippten Fenster und löschte das Licht in der Küche. Abschließend begab er sich zum Rauchen auf die Terrasse.
Er genoss diesen Moment der Stille und schaute zum Himmel empor. Es herrschte Neumond und war extrem dunkel. Zusätzlich versperrte eine Wolkenschicht den Blick auf die Sterne. Günther hoffte, es würde über Nacht regnen, denn der Garten lechzte nach Wasser. Nach einigen Minuten drückte er den Stummel seines Zigarillos im Aschenbecher aus.
Gerade wollte er die Terrassentür schließen, da stutzte er: Hatte es gerade geblitzt? Erneut schaute er zum Himmel und wartete vergeblich auf ein Donnergrollen. Und schon wieder blitzte es. Das war kein Gewitter, es kam direkt vom Kompost. Günther zog die Stirn in Falten und kratzte sich unschlüssig am unteren Rücken. Sollte er der Sache auf den Grund gehen, oder waren es nur Reflexionen von Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos gewesen? Doch die Terrasse mündete in den Poetenwinkel, eine Gasse, die für Autos zu schmal war. Ein Fahrradfahrer vielleicht?
Ein weiterer Blitz erregte seine Aufmerksamkeit! Lottchen würde noch eine Weile im Bad brauchen, also konnte er schnell nachschauen, ob dort alles in Ordnung war. Er schaltete das Licht auf der Terrasse an, welches nur bis zur Gartenmitte reichte. Am Ende des Lichtkegels angekommen, nahm er einen neuerlichen Blitz wahr. Definitiv kein vorbeifahrender Radfahrer und auch keine Glühwürmchen, die sich ab und an dort tummelten.
Kurz überlegte Günther, ob er zurückgehen und eine Taschenlampe holen sollte, denn beim Poetenwinkel handelte es sich um einen Privatweg, der nur spärlich beleuchtet war. Doch war ihm der Aufwand zu groß. Mit den Füßen tastete er sich über die unebenen Gehwegplatten, um hinter dem Kompost über den Gartenzaun zu spähen.
Er bemerkte die zwei Gestalten nicht, die sich lautlos aus den Büschen schälten. Erst als eine ihm die Hand auf den Mund presste und die andere den Lauf einer Pistole in den Rücken drückte, wurde Günther klar, dass er nicht allein war. Für eine Sekunde glaubte er, sein Freund Höllermann habe sich einen Scherz erlaubt. Doch auch wenn Georg ziemlich abgebrüht war, würde er sich niemals solche Späße erlauben. Es mussten Einbrecher sein, die er durch sein Erscheinen aufgeschreckt hatte.
Das hier war kein Scherz, es war Ernst!
»Kein Mucks, verstanden?«, zischte eine Männerstimme in Günthers Ohr.
Günther nickte. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren, sein Herz hämmerte gegen den Brustkorb, als habe es zu wenig Platz.
»Hm, hm?«, presste er fragend hinter der behandschuhten Hand hervor, die noch immer seinen Mund zudrückte. Prompt erhielt er einen derben Stoß in die Rippen. Er gab einen dumpfen Schmerzenslaut von sich und blieb zitternd stehen. Der Mann fischte ein Paar Handschellen aus seiner taktischen Weste und ließ sie um Günthers Handgelenke klicken. Der zweite presste ihm einen breiten Streifen Klebeband über die Lippen.
»Wenn Sie tun, was wir Ihnen sagen, passiert Ihnen nichts! Da lang!«
Der Mann mit der Pistole gab Günther einen Schups Richtung Gartentor. Dort inspizierte er die Gasse. »Sauber«, raunte er seinem Komplizen zu. Sie nahmen Günther in die Mitte und zogen ihn an den Oberarmen mit sich bis zum Ende des Poetenwinkels. Günther, noch immer in Hausschuhen, stolperte mehr, als dass er ging. Sein Herz raste noch heftiger und er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
»Zehn Sekunden«, flüsterte der Mann in ein Sprechfunkgerät. Augenblicke später fuhr ein Auto vor. Der Entführer riss die hintere Tür auf, drängte Günther hinein und rutschte neben ihn. Sein Komplize besetzte die Rückbank auf der anderen Seite. Zeitgleich mit dem Schließen der Türen fuhr der Wagen los. Die gesamte Aktion hatte kaum zwei Minuten gedauert.
Eine Viertelstunde später setzte die Fahrerin die drei Männer auf einem Waldweg ab, wendete das Auto und verschwand mit abgeblendeten Scheinwerfern. Die Männer blieben einen Moment stehen und lauschten auf waldfremde Geräusche.
»Da entlang«, gab der Größere Günther einen Schups, während der Kleinere voranging und die Gruppe im Schein einer abgedunkelten Taschenlampe in den Wald führte. Endlich blieb er vor einem Gebüsch stehen und drückte es zur Seite. Dahinter führte ein Tunnel in den Berg hinein. Nach dem Passieren einer Stahltür betraten sie einen stillgelegten Stollen. Nach weiteren zehn Minuten fand Günther sich in einem verwaisten Pausenraum der Bergmänner wieder. Dessen morsches Mobiliar war beiseitegeschoben und durch ein Feldbett, eine Metallkiste und einen grellen Scheinwerfer ergänzt worden. Die Szene erinnerte an einen Horrorfilm.
Innerhalb einer halben Stunde nach Verlassen seines Hauses war Günther Kluge buchstäblich vom Erdboden verschwunden.