Braunkohl mit Bregenwurst
Leseprobe
Ein leises Klingeln signalisierte, dass jemand die Fleischerei betrat. Schnell wischte sich Irmtraud mit der Innenseite ihrer Schürze den Mund ab, damit keine verräterischen Spuren vom Verzehr der Würstchen kündeten, die sie aus der Auslage gefischt und genüsslich einverleibt hatte. Mit einem verbindlichen Lächeln steuerte sie aus der Fleischereiküche in den Verkaufsraum. Sofort setzte sie ein sauertöpfisches Gesicht auf, als sie dort Gesine Münke erblickte.
»Guten Morgen, Gesine«, grüßte sie förmlich.
»Morgen, Irmtraud!« Gesine rieb sich die eisigen Hände. »Das ist ja über Nacht richtig kalt geworden. So früh hatte ich nicht mit dem ersten Schnee gerechnet.«
»So ist das nun mal im Spätherbst. Was darf’s sein?«
Gesine zuckte ob der schroffen Antwort zusammen, fasste sich aber schnell. »Georg hatte ja erwähnt, dass er zum Weihnachtsfest Bestellungen für Wildbret annimmt.«
»Das stimmt. Auch heute ist er in aller Frühe losgezogen. Eigentlich ist mir das bei diesem Wetter nicht recht, aber Georg meint, durch das einheitliche Weiß hätte er mehr Aussicht auf Erfolg. Und leider soll ja der Schnee nicht liegenbleiben. Möchtest du einen Weihnachtsbraten bestellen?«
»Sehr gern!«, flötete Gesine, sah dann aber zu Boden und knetete verlegen ihre abgestreiften Handschuhe. »Und ich wollte dir noch sagen, dass es mir leidtut, dass ihr euch bei Lottchens Geburtstag zerstritten habt. Ich würde mich freuen, wenn ihr euch wieder die Hand reicht: du und Helga und Lieselotte.« Vor Aufregung überschlug sich Gesines Stimme, was ihr bereits in jungen Jahren den Spitznamen Piepsi beschert hatte.
»Niemals!«, polterte Irmtraud entrüstet. »Eher beiße ich mir die Zunge ab, bevor ich mit den beiden Nattern je wieder ein Wort wechsele!« Sie schob die Unterlippe vor und kreuzte bockig die Arme vor der Brust.
»Nun, es hatten doch aber alle etwas zu viel getrunken«, schob Gesine zaghaft hinterher. »Und dass Helga darüber erbost war, dass dein Mann ihren neuen Hut ruiniert hat, kann man doch verstehen.«
»Nein, sage ich, und dabei bleibt’s. Haben dich die beiden etwa vorgeschickt, um bei mir Süßholz zu raspeln? Dann kannst du sofort umdrehen und wieder gehen.«
Gesine schüttelte heftig den Kopf.
»Hm«, brummte Irmtraud misstrauisch. »Dann werde ich jetzt deine Bestellung notieren.«
»Gern.« Erleichtert atmete Gesine aus und vermied es, der Fleischersfrau in die Augen zu sehen. »Ich möchte zwei Wildschweinkeulen und einen Rehrücken.«
Irmtraud öffnete das Auftragsbuch und griff nach einem Bleistiftstummel. Beim Notieren presste sie ihre Zungenspitze aus dem Mundwinkel und wirkte hochkonzentriert. Doch plötzlich hielt sie im Schreiben inne, richtete sich auf und schaute ihre Kundin über den Brillenrand hinweg an. Langsam zog sich ihre Stirn in Falten.
»Ist was, Irmtraud? Dein Blick macht mir richtig Angst«, flüsterte Piepsi und ging trotz des schützenden Tresens einen Schritt zurück.
»Zwei Keulen und ein Rehrücken? Das ist doch nie und nimmer für euch allein. Sag jetzt nicht, du hast dich von Helga und Lieselotte vorschicken lassen, um hinterrücks für beide einen Weihnachtsbraten zu bestellen!« Irmtraud war immer lauter geworden, so dass Gesine bis zur Eingangstür zurückgewichen war. Tränen kullerten über ihre Wangen.
»Sag mir, dass das nicht wahr ist! Was haben die beiden Schlangen dir geboten, damit du dich vor den Karren spannen lässt?«, brüllte Irmtraud sie über die Theke hinweg an. »Du solltest dich in Grund und Boden schämen!«
Heulend flüchtete Gesine aus der Fleischerei, die kleine Glocke über der Tür schepperte wild. Irmtraud kochte vor Wut. Was wohl Georg sagen würde, wenn sie ihm vom dreisten Ansinnen ihrer ehemaligen Freundinnen berichtete? Sie blickte zur Wanduhr und stutzte: Heute war er lange unterwegs.
Um sich zu beruhigen, langte sie mit der Fleischgabel in die Auslage und fischte mehrere Salamischeiben heraus. Schon regte sich das schlechte Gewissen: Georg hatte sie erst gestern wegen des Warenschwunds zur Rede gestellt und eine peinliche Bemerkung mit Blick auf die gespannten Knopflöcher ihres Kittels gemacht. Selbstgefällig legte sie die letzte Scheibe wieder zurück und stopfte die anderen in gleichzeitig den Mund.
Emsig kauend blickte sie aus dem Schaufenster. Vor dem Konsum war ein Streifenwagen vorgefahren. Klara würde wohl wieder einen Dieb dingfest gemacht haben. Verwundert nahm Irmtraud wahr, dass die Polizisten nicht in den Konsum gingen. Stattdessen bewegten sie sich direkt auf die Metzgerei zu. Hastig würgte sie den Wurstbrocken hinunter. Sekunden später schepperte die Glocke über der Ladentür. Als sie die ernsten Gesichter der Uniformierten sah, wurden Irmtrauds Knie weich: Georg war noch nicht von der Jagd zurück...